Bier war nie zu teuer – warum wir uns an zu billiges Bier gewöhnt haben
750 Wörter | 4 Minuten Lesezeit
Wie Lockangebote, Dumpingpreise und unsere Kaufentscheidungen über die Zukunft von Brauereien und Wirtshäusern entscheiden.
Warum Bier gefühlt teurer wird –
aber im Handel seit Jahrzehnten billig bleibt
Gedanken eines Wirts zwischen Registrierkassa, Zapfhahn und Inflation
„Das Bier ist aber auch schon ganz schön teuer geworden.“
Ein Satz, der in jedem Wirtshaus regelmäßig fällt.
Und ja – auf den ersten Blick stimmt er auch so.
Aber auf den zweiten lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Ist Österreich nicht generell teuer geworden?
Der Kistenpreis stagniert – seit den 90ern
In den 1990er-Jahren kostete eine Kiste Märzen im österreichischen Lebensmittelhandel rund 169 Schilling – das entspricht etwa 12,30 Euro.
Zieht man die offizielle Inflation heran, müsste diese Kiste heute bei mindestens 27 bis 28 Euro liegen. Tatsächlich wird sie jedoch noch immer um 13 bis 16 Euro verkauft. In Aktion oft darunter.
Fazit:
Bier ist – inflationsbereinigt – deutlich billiger als vor drei Jahrzehnten. Oder eben kaum bzw. gar nicht teurer geworden
Bier als Lockartikel im Handel
Der Grund ist bekannt: Bier wird im Lebensmitteleinzelhandel seit Jahren als Lockartikel eingesetzt.
Ein vertrautes, beliebtes Produkt, das bewusst unter Wert angeboten wird, um Kunden in den Markt zu holen.
Verdient wird dann an allem, was zusätzlich im Einkaufswagen landet – von der Salami bis zur Zahnpasta.

0,33 Liter Cola kosten in Aktion mehr als 0,5 Liter österreichisches Bier. Ein Bild, das mehr über unsere Preiswahrnehmung erzählt als viele Statistiken.
Bei den Dreharbeiten zu meiner YouTube-Serie „50 Fehler beim Biertrinken“ fiel mir etwas auf, das viele gar nicht mehr bewusst wahrnehmen: Bier steht im Supermarkt fast immer ganz hinten. Und das hat einen einfachen, aber sehr gezielten Grund.
Produkte wie Bier, Windeln und Waschpulver sind groß, schwer und sperrig – nichts, was man locker unterm Arm trägt. Wer sie einkauft, muss mit dem Auto kommen und braucht einen Einkaufswagen.
Genau deshalb positioniert man solche Artikel am Ende des Markts:
Der Weg dorthin führt durch sämtliche Regale, vorbei an Sonderangeboten, Süßwaren, Aktionsflächen. Der Effekt: Wer eigentlich „nur schnell eine Kiste Bier holen“ wollte, hat am Ende ein Dutzend Artikel mehr im Wagen.
Das nennt sich strategisch gesteuerte Konsumlenkung – auf Kosten eines Produkts, das jahrzehntelang unter Wert verkauft wird.
Das bedeutet: Wer Bier kauft, bleibt länger, kauft mehr, zahlt mehr.
Bier wird damit Teil einer Verkaufsstrategie – nicht mehr als Getränk, sondern als Frequenzbringer. Stichwort: Umwegrentabilität!
Und im Wirtshaus?
Ganz anders sieht die Rechnung im Wirtshaus aus:
Hier trägt das Bier nicht nur den Namen der Brauerei – sondern auch viele andere Positionen:
- Personal und dessen Ausbildung
- Reinigung, Gläser, Technik (Schankanlage, CO2, …)
- Energie, Infrastruktur, Gebäude bzw. Pacht
- und nicht zuletzt den Wirt selbst (ja, auch Wirte benötigen einen Gehalt)
Inflationsbereinigt müsste eine Halbe Märzen, die in den 2000ern etwa 2,90 Euro kostete, heute bei rund 5,60 bis 5,90 Euro liegen.
Und alles darüber ist nachvollziehbar – sei es durch gestiegene Energiepreise, Personalengpässe oder Investitionen in Qualität.
Der Preis allein sagt wenig
In Wahrheit ist nicht der Preis das Problem.
Sondern unsere gesellschaftliche Erwartung, dass Bier stets günstig sein müsse.
Ein Getränk, das für sich beansprucht, regional, handwerklich, ehrlich und natürlich zu sein – wird gleichzeitig daran gemessen, was es im Diskonter kostet.
Diese Schieflage macht wirtschaftliches Arbeiten zunehmend schwierig – und sie erklärt, warum so viele Wirtshäuser keine Nachfolger finden, warum Brauereien unter Druck geraten und warum die Vielfalt am Markt schwindet.
Ein realistischer Blick auf den Wert
Diese Kolumne ist kein Appell für Preiserhöhungen.
Sondern ein Appell für mehr Realismus.
Bier ist kein Industriegut. Es ist ein Kulturgut.
Und wie jedes Kulturgut braucht es Wertschätzung – auch in wirtschaftlicher Hinsicht.
Im Supermarkt zahlst du für Bier.
Im Wirtshaus zahlst du für eine Halbe, frisch gezapft – inklusive Ort, Atmosphäre und Menschlichkeit.
Beides hat seine Berechtigung.
Aber nicht denselben Preis.
Darauf ein Bier.
Und ein bisschen mehr Zukunft – für alle, die Bier nicht nur verkaufen, sondern leben.
Diskutiere mit!
Wie erlebest DU die Preiswahrnehmung rund ums Bier – als Konsument, Brauer, Wirt oder Händler?
Wie gehen wir als Konsumentenvereinigung mit dieser Diskrepanz um?
Ich freue mich auf Rückmeldungen und Meinungen – per Mail an 📩 gasthof@riedberg.at oder direkt im Gespräch bei einem frisch gezapften Bier im Wirtshaus.
Dieser Artikel erschien im Original in meiner Kolumne „Geschichten aus dem Bierkeller“ im BierIG Magazin, Ausgabe 58/2026. Vielen Dank an die BierIG und Chefredakteur Bernhard Füreder für die Möglichkeit, solchen Themen eine Stimme zu geben. Darauf ein Bier! 🍻